Mit Verwunderung nehme ich bei meinen täglichen Kiez-Spaziergängen seit einigen Monaten einen Paradigmenwechsel in der Berliner Straßenbaupolitik wahr. Es ist das Ergebnis eines schleichenden Prozesses, der zunächst nur leichte Irritationen weckte, aber dann plötzlich basses Erstaunen, da er jetzt, beschleunigt und allerorten präsent, unübersehbar vor Augen tritt:
Ich meine die monatelange und gefühlt unabsehbare, vielleicht sogar finale Absperrung und Einfriedung ganzer Berliner Straßenzüge durch kilometerlanges weiß-rotes Plastik-Gitterwerk, mit dem der Autoverkehr blockiert sowie Radfahrer und Fußgänger an die Seite gedrängt und mit schmalen Durchgängen durch eine Art Mäuselabyrinth gelotst werden.

Im Prenzlauer Berg sieht man das zurzeit sehr gut, z,B. in der Sredzkistrasse, der Kolmarer Straße, der Dunckerstraße, der Greifenhagener Straße und vor allem, kilometerlang, auf der Petersburger Straße zwischen Bersarinplatz und Landsberger Allee.

Hinter diesen Plasteabsperrungen findet sich in der Regel: nichts. Manchmal ist der Straßenbelag etwas weggekratzt. Das garantiert, dass die betroffene Straße auf absehbare Zeit nicht mehr benutzt werden kann und auch ein Entfernen der Absperrungen nichts nutzen würde. Vereinzelt stehen Bagger herum. Arbeiten sind in der Regel nicht wahrzunehmen. Das wäre allein für Berlin aber nicht ungewöhnlich. Nur eine große Leere ist da.





Diese Bildergalerie ließe sich endlos fortführen – ein leichter Schwindel oder Horror Vacui kommt auf angesichts des leeren Raumes, der hier eingefriedet wurde.
Hinweise auf Sinn, Zweck und Dauer dieser monumentalen Absperrmaßnahmen fehlen. Urbaner und öffentlicher Raum wird okkupiert und den Bürgern entzogen, aber von wem und für was? Mysteriös. Es ist doch kaum vorstellbar, dass dahinter keine sinnvollen Pläne stecken, oder?
In früheren Zeiten war der Sinn von Baustellen in Berlin doch ganz offensichtlich: Sie dienten in erster Linie als Endlagerstätten für Baumaterialien, Gerüste und große Baumaschinen und zugleich der dauerhaften Drosselung und Entschleunigung des privaten Verkehrs, um die verzweifelten Bürger dem überteuerten Angebot der öffentlichen Verkehrsmittel zuzuführen sowie den Benzinverbrauch und damit die Mineralölsteuer-Einnahmen zu erhöhen. Aber was wird hier beabsichtigt von unseren klugen Stadtplanern? Ich habe mir meine Gedanken dazu gemacht und möchte sie gerne mitteilen.
Die steile These vorweg: Es handelt sich hier schlicht um die nächste Stufe urbaner Gamification von Straßenbaumaßnahmen in der städtischen Verwaltung. Wie bitte? Was? Doch! Ich werde das erklären.
Hinter dem ganzen Spuk steckt vermutlich eine umfassende IT-Modernisierung der letzten Jahre mit ganz neuen Möglichkeiten der Planung. Dass Gamification im Behördenumfeld nicht neu ist, wissen wir durch das beliebte Behördenpingpong, mit dem die Berliner Stadtverwaltung in allen Abteilungen bislang hauptsächlich befasst war. Hier wurden erhitzte Turniere ausgetragen, grandiose Siege errungen und betrübte Verlierer schlichen von dannen, die sich später manchmal durch raffinierte Volten rächen konnten. Die Pingpong-Turniere bei der Planung des BER, der Zulassung der Cannabis-Clubs, der Sanierung der Staatsoper Unter den Linden, der Absperrung des Görlitzer Parks, u.a. legen beredtes Zeugnis von dieser Ära ab. Die ersten Behördenturniere wurden wohl noch direkt am Schreibtisch ausgetragen, mit Aktenstapeln, die hin- und hergeworfen wurden. Aber schon seit den 80er Jahren ließ sich das ja auch digital angehen und die Berliner Verwaltung lag hier schon immer ganz weit vorne.
Das Computerspiel „Pong“, 1972 erfunden und zunächst für Atari-Computer und Arcade-Spielautomaten im Einsatz, war eines der ersten Computerspiele, das sich auch auf Behördenrechnern installieren ließ.
Das war schon unter MS-DOS möglich, mit einfachen ASCII-Zeichen als Schläger und Ball, die über die Bernsteinmonitore flitzten. Dann kam Windows 3.1 und damit die Möglichkeit, das Ganze auch in Farbe zu spielen mit echter Grafik. Und dann kam lange – nichts. Vermutlich, weil Windows 3.1 gefühlt erst seit kurzem als zentrale Softwareplattform der Berliner Verwaltung ersetzt wurde durch moderne Betriebssysteme wie Windows 95 und jetzt im neuen Millenium vielleicht sogar Windows 2000.
Und nun eröffnen sich durch explodierende Rechenleistung und grafische Simulation auf einmal ganz neue Möglichkeiten der Gamification von Verwaltungsprozessen: das Computerspiel „Tetris“, 1984 vom russischen Informatiker Alexey Pajitnov erfunden und ab Ende der 80er Jahre für PCs verfügbar, bringt jetzt die Erlösung vom tristen Behörden-Pingpong. Es eignet sich zugleich ideal für die Simulation von Bauprozessen. Denn hier fallen ja ununterbrochen Bausteine vom Himmel, die in Windeseile geparkt werden müssen, bevor sie sich wieder in Luft auflösen, um sofort wieder ersetzt zu werden. Wenn man sich das jetzt auch noch 3-dimensional vorstellt und das Berliner Straßennetz als Spielplan dazu mit nahezu unbegrenzten Leveln, ist die Gamification perfekt: aus Virtual-Reality wird Realität. Stadtplanung wird ein spannendes Spiel und Gewinner scheint derjenige zu sein, der oder die die meisten Straßenzüge mit Tetrisbausteinen belegt und dauerhaft versiegelt. Betrachtet man die Berliner Stadtbezirke als Level, wird es das Ziel sein, zunächst alle Straßenzüge eines Levels mit Tetrisbausteinen zu bepflastern. Wenn dies gelungen ist, werden die Bausteine entfernt wie im echten Spiel und das Ganze beginnt von vorn.

Ähnlich wie beim Behördenpingpong kommen dann neue Spieler an den Start und versuchen ihr Glück. Da es viele Bezirke gibt, können viele Turniere auf unterschiedlichen Leveln gleichzeitig ausgetragen werden. Die bleierne und fruchtlose Zeit des Behördenpingpongs ist endlich vorbei. Ein neues Nullsummenspiel wurde etabliert. Urbanes kooperatives Tetris wird für eine Dekade das Stadtbild bestimmen, bevor das nächste große Ding startet.
Woher ich das alles weiß? Reiner Zufall. Beim neugierigen Inspizieren der Absperrgitter ist mir zunächst aufgefallen, dass die meisten dieser Module von der Firma Strabag gestellt werden, einem Bauunternehmen, das auf die Unterstützung von Baulogistik spezialisiert ist. Es gibt aber auch andere Unternehmen, die ähnliche Gitter liefern und hier gab es plötzlich einen Aha-Moment, der mir die Schuppen von den Augen nahm und Sinn und Zweck der Absperrungen offenbarte.

Heureka! Quod erat demonstrandum.
Etwas schade ist natürlich, dass die urbanen Tetris-Turniere so ganz ohne Bürgerbeteiligung ausgetragen werden. Hier besteht auf jeden Fall großer Nachholbedarf seitens des Stadtmarketings. Ich stelle mir mindestens LED-Displays an den großen Tetris-Baustellen vor, die den aktuellen Punktestand anzeigen. Mit Lasershows und Hologrammen könnte man an prominenten Orten – etwa Unter den Linden – das Herabfallen der Tetris-Blöcke am Berliner Nachthimmel simulieren. Herr Wegner könnte eine kurze Tennispause einlegen und mit Frau Giffey Siegerehrungen veranstalten.

So könnte man die Beamtinnen und Beamten der Stadtverwaltung aus ihrem tristen und anonymen Verwaltungsdasein in das strahlende Rampenlicht öffentlichen Jubels stellen und für ihre stadtplanerischen Bemühungen belohnen. Ein professionelles „Urban Tetris“-eSports-Team könnte aufgestellt werden und sich bei Turnieren im bundesweiten und internationalen Vergleich messen. Unbesetzte Stellen in der Verwaltung würden plötzlich attraktiv und könnten mit jugendlichen Gamern besetzt werden.
Und wenn die Tetris-Show irgendwann vorüber ist – was dann mit den Millionen von Absperrgittern, die übrig bleiben? Man könnte sie der Kunst zuführen. Als eine späte Hommage an den Bildhauer und Objektkünstler Olaf Metzel, der Ende der 80er Jahre metallene Absperrgitter am Kudamm gegenüber vom Café Kranzler zu einer Pyramide – dem sog. „Randale-Denkmal“ – gestapelt hatte, könnte man eine kilometerhohe Pyramide der neuen Plastikgitter auf dem Tempelhofer Feld errichten und an eine Ära erinnern, die jetzt grade erst beginnt.





